Jørgen Lang

Die Kunst des Dazwischen

27. April 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

Wenn Jørgen Lang über Musik spricht, tut er das ohne große Gesten. Keine Bekenntnisse zu Genres, keine schnellen Zuschreibungen, keine Abgrenzungen. Stattdessen beschreibt er Bewegung. „Wanderer zwischen den Welten“ nannte ihn einmal die Weltmusikikone Rüdiger Oppermann – und meinte damit keinen rastlos Suchenden, sondern jemanden, der bewusst Übergänge bewohnt: zwischen Tradition und Gegenwart, zwischen Herkunft und Aufbruch, zwischen handwerklicher Präzision und klanglicher Offenheit. Es ist eine Haltung, die weniger mit Stilfragen zu tun hat als mit Aufmerksamkeit und Respekt.

Im dreiteiligen Workshop (Teil 1) vermittelt Jørgen Lang die klanglichen Möglichkeiten und Spielprinzipien der DADGAD-Stimmung – praxisnah, stiloffen und aus jahrzehntelanger Erfahrung heraus. Im Mittelpunkt stehen musikalische Neugier, Freude am Spielen und die Frage, wie sich DADGAD jenseits von Folk kreativ in unterschiedlichsten Kontexten einsetzen lässt.

Text: Klaus Härtel

Aufgewachsen in einem folkgeprägten Umfeld, begleiten Jørgen Lang zwei Konstanten durch seine Laufbahn: die Gitarre und die Stimme. Musik ist für ihn früh mehr als das Erlernen von Stücken oder das Nachspielen von Vorbildern. Sie ist ein Mittel, um Welt zu begreifen. Entscheidend wird jedoch ein Schritt in die Fremde. Anfang der Neunzigerjahre geht Lang nach Irland. Nicht aus Abgrenzung, sondern aus Neugier. In Dublin arbeitet er sozial, spielt abends in Sessions, hört zu, lernt, probiert. Die Musik dort ist kein museales Gut, sondern Teil des Alltags. Tradition wird nicht erklärt, sie wird gespielt, diskutiert, verändert.

Diese Erfahrung prägt ihn nachhaltig. Erst in der Distanz beginnt sich ein Begriff zu klären, der bis dahin abstrakt bleibt. „Heimat ist für mich ein Ort, an dem man sich nicht ständig erklären muss.“ Irland wird für Lang weniger zum Sehnsuchtsort als zum Spiegel. Er erkennt, was ihm fehlt – und was er mit zurücknehmen kann. Das Dazwischen ist für Lang mehr als ein ästhetisches Konzept. Er beschreibt seine Rolle oft als Schnittstelle: zwischen traditioneller Musik und experimentellen Klangwelten, zwischen akustischen Instrumenten und elektronischen Texturen, zwischen Bewahren und Vorantreiben. Seine Komfortzone liegt, wie er sagt, „zwischen den Stühlen“. Diese Position ermöglicht Freiheit, bedeutet aber auch, selten ganz anzukommen.

„DADGAD ist für mich weniger eine Technik als eine Haltung.“

Zurück in Deutschland trifft diese Offenheit auf ein anderes Klima. Traditionelle Musik ist hier oft von Regeln, Erwartungen und stilistischen Grenzziehungen geprägt. Es gibt Vorstellungen davon, was „richtig“ ist und was nicht. Lang beginnt, sich davon zu lösen. Ihn interessiert die Frage, wie aus den eigenen kulturellen Wurzeln etwas Neues entstehen kann. Anfang der Neunziger ist entsprechendes Material kaum zugänglich. Also beginnt er, selbst zu schreiben – nicht gegen die Tradition, sondern aus ihr heraus.

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Ein zentrales Kapitel dieser Entwicklung ist die Band Hölderlin Express, der Lang in dieser Zeit beitritt. Die Gruppe verbindet traditionelle Tanzformen mit neuen Kompositionen, öffnet sich für ungewöhnliche Strukturen und überschreitet bewusst stilistische Grenzen. Polkas, Mazurkas und andere Gattungen werden nicht konserviert, sondern weitergedacht. Das Publikum reagiert begeistert, Wettbewerbe werden gewonnen, Konzerte führen durch ganz Deutschland.

Zentral für Langs Arbeit bleibt bis heute die Frage der Authentizität – wenngleich er diesen Begriff nur widerwillig verwendet. Zu hohl ist ihm diese Phrase. Er konkretisiert: Ein Stück, davon ist er überzeugt, müsse sich ein Musiker erst zu eigen machen, bevor es weitergegeben werden könne. „Je bekannter ein Stück ist, desto größer ist die Verantwortung bei der Interpretation.“ Es gehe nicht darum, Erwartungen zu erfüllen oder historische Vorlagen möglichst exakt abzubilden, sondern die innere Logik eines Liedes freizulegen und sie in die Gegenwart zu holen.

Jørgen Lang mit Autor Klaus Härtel beim Videointerview

Foto: Screenshot Klaus Härtel

Auch seine bevorzugte Gitarrenstimmung, DADGAD, ist Ausdruck dieser Haltung. Die offene Harmonik, der Borduncharakter und das bewusste Offenlassen eindeutiger Festlegungen schaffen Raum für Melodien und Zwischentöne. „DADGAD ist für mich weniger eine Technik als eine Haltung“, sagt der Musiker. Lang versteht diese Stimmung nicht als Stilmerkmal, sondern als Werkzeug, das Offenheit ermöglicht – unabhängig vom Genre.

Diese Spannung spiegelt sich auch im Titel seines Soloalbums von 2009, Twylight. Die bewusst abgewandelte Schreibweise verweist auf einen Zwischenraum, auf Übergänge und Unsicherheiten. Für Jørgen Lang ist dieser Zustand kein Defizit, sondern Motor: ein Ort, an dem Aufbruch, Selbstermächtigung und Rückbesinnung gleichzeitig verhandelt werden.

Nach dem Ende der intensiven Bandphase folgt eine längere der Neuorientierung. Lang arbeitet viele Jahre als Übersetzer im IT-Bereich, ohne die Musik aus dem Zentrum zu verdrängen. Sie bleibt sein innerer Bezugspunkt. Prägend wird in dieser Zeit die Zusammenarbeit mit Rüdiger Oppermann. 2009 spielt er bei dessen KlangWelten-Festival (Tournee mit 43 Konzerten) mit und tritt im Rahmen des ebenfalls von Oppermann verantworteten Kulturhauptstadtprojekts „Karawane 2010“ in Bochum, Pécs und Istanbul auf. Höhepunkt dieser intensiven Zusammenarbeit bildet eine Tournee auf dem Rhein. Hier trägt Lang als Gesangssolist Teile des Nibelungenlieds mit einer neu gefundenen Melodie vor.

Nach der Zäsur der Coronazeit richtet sich der Blick erneut nach innen. Lang beginnt, sich intensiv mit seiner ostfriesischen Herkunft auseinanderzusetzen. Es entstehen neue Übertragungen bekannter Lieder ins Plattdeutsche. Heute, in einer Zeit, in der künstliche Intelligenz seine frühere Übersetzungsarbeit zunehmend verdrängt, rückt die Musik wieder klarer ins Zentrum. Konzerte, Workshops und die Weitergabe von Wissen gewinnen an Bedeutung.

Jørgen Lang sucht bewusst Situationen, in denen Gegensätze nicht geglättet, sondern produktiv gemacht werden. Für ihn entsteht künstlerische Arbeit genau dort, wo scheinbar Unvereinbares aufeinandertrifft. Dieses Arbeiten im Übergang ist für ihn kein Ausnahmezustand, sondern Normalität. Es erklärt, warum Reisen, Übersetzen und Musik für ihn eng zusammengehören: In allen drei Bereichen gehe es darum, Bedeutungen zu übertragen, ohne ihren Kern zu verlieren, und Bewegung zuzulassen, ohne die eigene Mitte preiszugeben. Daher ist es für ihn entscheidend, über den Tellerrand hinauszuschauen, ohne sich selbst untreu zu werden.

www.joergen-lang.com

www.dadgad.de

Aufmacher:
Jørgen Lang

Foto: Kihwa Lee

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